haha, schon wieder nicht geklappt :D

•Februar 17, 2019 • Schreibe einen Kommentar

Ich habe Urlaub.
Ich liege dicht auf dem Sofa und habe Urlaub. 9 lange Tage. Für jeden Tag habe ich mir einen Badezusatz gekauft. 46,4 Kilo. Ich habe mir geschworen, ab 45 trinke ich Fresubin. Ich kämpfe also wacker, kiffe und fresse dann, um dann zusammengerollt wie ein Faultier mit Winterjacke an im Bett zu liegen.
Auf der einen Seite- da bin ich glücklich und zufrieden mit meinem Leben. Ich liebe es echt. Die verdammten scheiß pinken Wände, die mich verfolgen. Die wirre Vergangenheit, die Stimmen im Kopf. Scheiß drauf. Ich habe ein sicheres schönes „Zuhause“, Menschen die mich mögen, meine Hunde, Pferde, den Job. Ich kann alles schaffen wenn ich nur will.
Auf der anderen Seite- da will ich nur noch sterben.
Einfach eine Packung von meinen Betablockern nehmen. Ein paar hundert Einheiten Insulin, eine nach der anderen bis zum hypoglykämischen Koma. Morphium. Ich könnte alles tun wenn ich nur wollte. Und ich habe Angst, weil ich will. Ich bin glücklich, und ich will sterben.
Manchmal, wenn ich Menschen beim Sterben zusehe, und das tue ich oft während meiner Arbeit- da frage ich mich, ob das der Reset- Button ist. Ob man neu startet. Ein neues Leben.
Ein neues Leben als eine Person. Als ein Leben, eine Vergangenheit, eine Zukunft. Als Mensch der anderen Menschen nahe kommen kann. Lieben kann. Kinder bekommen, eine Familie gründen, Enkelkinder haben, in Frieden sterben. Irgendwo in nem Hospiz mit Shetlandponys. Dieses Leben, das werde ich niemals bekommen, nicht dieses Mal. Was, wenn der Tod der Reset- Button wäre, warum mich dann noch länger quälen?

by the way: nope, keine #suizidandrohung oder #110 oder so nen Quatsch. Natürlich nicht, sonst würde ich das ja wohl kaum posten. Nur diese Gedanken, die kenne ich, die gehen vorbei. #keepgoing

 

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After the war.

•Oktober 27, 2018 • Schreibe einen Kommentar

Ja, ja ich habe überlebt. Bulimie, Magersucht, Sucht, Suizidversuche, Panikattacken. So viele sind daran drauf gegangen, ich habe alles überlebt. Ich sollte glücklich sein. Ich habe überlebt. Und jetzt bin ich alleine. Alle Beziehungen sind daran zu Bruch gegangen, meine Familie weit weg und so viele mir so fremd, meine Freunde die mir nah waren entweder tot oder weit weg. Überleben ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.
„Cause of all we fight and all we’ve tore
There’s no life left after the war“

Blässe.

•August 27, 2018 • Schreibe einen Kommentar

„Blass sehen Sie aus.“, sagt meine Dozentin in der Schule. Ich zucke mit den Schultern. Ich glaube, ich sehe so seit Wochen und Monaten aus, zumindestens fühle ich mich so, keine Ahnung, warum es jetzt jemandem auffallen muss, wo ich doch eigentlich gar nicht mehr angesprochen werden will. Die Zeit ist vorbei.

Blässe passt gut zu dem Gefühl, am Boden zu sein. Ich habe Versagensängste so kurz vorm Examen, dass meine frühere Klausurenpanik echt Peanuts dagegen waren. Mein Kopf ist leer, und alles was ich dort reinpresse, kommt als Diarrhoe auf der anderen Seite des Körpers wieder heraus, so scheint es mir.

Alles ist blass. Der Nebel draußen, der das Ende des Sommers einleitet. Die Erinnerung an den Menschen der ich einmal war, und den ich vermisse. An meine Freunde, die ich vermisse, an die Zeit als es Orte gab, an denen ich mich nicht verstellen musste. Alles verblasst. Ich denke über Mouse nach, und mir fällt auf, wie blass die Erinnerung geworden ist. Die Telefonnummer, die ich jahrelang noch eingespeichert hatte, bis irgendwann das neue Handy kam und ich vergessen habe sie zu übernehmen. Die Nachrichten im Forum, die es nicht mehr gibt, weil das Forum lange nicht mehr existiert. Alles ist verblasst. Als wäre damals ein anderes Leben gewesen.

Ich bin so müde, dass ich es kaum beschreiben kann. Ich lebe so ein gutes Leben, und bin es so Leid. Alle Ziele kommen mir vor, als wären sie es nicht wert, alles Streben ist so blass und so leise geworden.

Vielleicht hilft es, ins Solarium zu gehen. Vielleicht auch nicht.

Für Sophie

•April 25, 2018 • Schreibe einen Kommentar

Vielleicht war alles was sie wollte ein wenig Verstehen. Etwas Wissen, in all dieser Ahnungslosigkeit. Vielleicht war es das.

Als ich sie das erste Mal treffe, da leuchten ihre Augen. Ihre langen, wallenden Haare glänzen, wie frisch von einem dieser Weleda-Werbeplakate herabgestiegen steht sie da und sieht mich an. So viele Jahre ist es her, und doch kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen. Ihre steingrauen Augen taxieren mich, sie halten meinen Blick fest in der Horizontalen, es gibt keine Chance, ihr auszuweichen oder den Blick zu senken. Viel zu verloren bin ich in ihren Augen, in denen eine Welt verborgen zu liegen scheint, die weder sie noch ich jemals begreifen werden. Ich strecke meine Hand nach ihr aus, und lächele, und sie erwidert mein Lächeln, ein kongruentes gerades Lächeln hinter gebleckten Lippen, die durstig den Atem der Welt inhalieren. Sie hat so viele Träume und Wünsche, dass ihr ganzes Antlitz zu beben scheint vor Begierde danach, die Türen aufzustoßen und in die Welt hinauszubrechen, wie ein Orkan, der ewig lebt.

„Vielleicht,“, sagt sie, und ihre braungebrannten Hände drehen eine kleine Locke in die braunen Haare, gleiten durch das nach Apfelshampoo riechende Meer hinweg und wischen eine Haarsträhne von ihrer mit Sommersprossen übersäten Nase. „Vielleicht will ich Tiermedizin studieren. Oder Medizin. Psychiaterin werden wäre cool. Oder Pathologin.“ Sie lacht und bleckt mir ihre Zähne entgegen, bevor sie an ihrer Zigarette zieht und kleine weiße Traumwolken in die Luft hinaufsteigen lässt. „Und lieben.“, sagt sie. „Ich will lieben. Eine Frau oder einen Mann, wen auch immer, und ich will mit ihm oder ihr um die Welt reisen. Nach Afrika. In die Sahara. Und zu den Polarlichtern, ich will unbedingt die Polarlichter sehen!“
„Du,“, will ich sagen, „du bist ein Polarlicht.“ Aber ich schweige, weil sie gerade so in ihrem Elan zu sein scheint, und so durstig und hungrig nach Leben dass meine Worte sie wahrscheinlich nicht interessieren werden. Vielleicht würde sie sie gar nicht hören, würde ich jetzt sprechen.

Als ich sie das nächste Mal sehe, ist der Tag vergangen, und der Abend ist aufgezogen. Irgendwo ein Licht am Horizont, vielleicht der Mond, vielleicht auch eine Straßenlaterne. Ihre Augen glänzen, die braungebräunten Arme umklammern ihren wunderschönen Körper. Sie lächelt und sieht mich an. Ihr Atem riecht nach Alkohol, es ist Partyzeit verstehe ich, endloses Tanzen und Schweben, Lachen und Beben und Vergehen.
„Ich vergehe in mir.“, sagt sie, und obwohl ich nicht weiß was sie mir damit sagen möchte, kann ich es spüren. Da, wo wir sonst nichts spüren, da fühle ich ihre Worte. Ihre Haare sind so wunderschön, sie sind nass und stinken nach Zigarettenrauch, aber sie sind immer noch wunderschön. Ich will es ihr sagen, dass sie wunderschön ist, aber ich weiß, dass der Moment nicht passen würde.
„Als ich nach Hause gegangen bin,“, sagt sie. „Da lag da diese Katze. Überfahren. Keine Augen mehr in ihrem Schädel, nur Augen auf der Straße, wie eine Suppe, ein Eintopf, Champignons auf der Straße, gedünstet in Blut und Autoreifen.“ Ich nicke. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich will sie an die Polarlichter erinnern, aber der Zeitpunkt scheint mir nicht passend zu sein.
„Kannst du den Mond sehen?“, fragt sie mich. Ich blicke in den Himmel und betrachte das kleine, weiße Licht über uns. „So voller Schatten.“, sagt sie, und zieht den Schleim in ihrer Nase in ihre Kehle, bevor sie sich mit ihren kleinen Händen unschuldig über die Sommersprossennase wischt. Auf einmal bebt der schmale Körper, ein Lachen steigt aus ihrer Kehle hervor und erleuchtet die Nacht.
„Lass uns feiern!“, ruft sie aus, dreht sich um und rennt davon, ihre nackten Füße klatschen über den Asphalt, die Pumps in der Hand und die nassen Haare im Gesicht.

Ein paar Mal treffen wir uns noch, in solchen Nächten. Meistens schweigt sie, und die Jahre vergehen im Schweigen.

In einer Nacht, da schweigt sie nicht. Der Mond ist lange hinter den Wolken verschwunden, das Gewitter schon längst aufgezogen und vorrübergegangen, aber sein Beben ist geblieben, der Donner lebt in ihr und das Blitzen in ihren Augen berührt eine Welt in mir, deren Namen ich nicht weiß. „Ich habe die Liebe gefunden!“, sagt sie. Ihre Stimme klingt kalt und belegt, und ich überlege, ob sie krank ist. Wie eine Grippe, eine Infektion die nie vergeht. Um ihren Hals schimmert eine Kette aus rosafarbenen Handabdrücken, zarte Würgemale, die sie zieren wie eine Kriegerin. Ich kann meinen Blick nicht von ihrem Hals abwenden. Ihre Haare verbergen das Meiste, aber ich kann die Kette sehen, klar und deutlich, wie ein Hilfeschrei der niemals wieder verstummen wird. In ihrer Hand eine kleine, rosafarbene Tablette mit einem Herzemblem.
„Das ist Liebe.“, sagt sie, und lacht. Es ist das dunkelste Lachen, das ich jemals von ihr gehört habe. Ich will sie fragen, was mit ihrem Studium ist. Für welchen Weg sie sich entschieden hat, und ob sie schon verreist ist. Weil mir die Worte fehlen, schüttele ich nur schweigend den Kopf.
„Afrika?“, sage ich schließlich.
„Afrika.“, wispert sie. „Irgendwann.“ Dann führt ihre erblasste Hand die Tablette zu ihrem Mund, sie streckt mir ihre belegte Zunge heraus und legt die Tablette darauf ab. „Afrika ist Liebe.“

Ich vermisse sie. Dieses wunderschöne Mädchen, das ich kennengelernt habe. Das mir so viel Hoffnung gegeben hat. Das vermisse ich, und weil ich das Vermissen nicht ertrage wende ich mich von ihr ab und lasse sie einige Jahre alleine ihren Weg gehen. Sie wird ihn schon finden, damit tröste ich mich in manchen schlaflosen Nächten, in denen ich den Mond betrachte und mich frage, ob sie schon das Licht geworden ist, oder ob die Schatten sie zerfressen haben.

Irgendwann erfahre ich, dass sie in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Anstalt eingeliefert worden ist. Ich beschließe, dass ich sie besuchen muss. Dass ich es muss, weil ich es ihr schuldig bin, und obwohl sich alles in mir dagegen sträubt, stehe ich eines Tages in dieser Klinik, inmitten von weißen, sterilen Wänden. Desinfizierte Hände öffnen mir die Türen, mit einem metallischen Klacken rastet das Schloß hinter mir ein. Die Luft riecht nach infizierten Menschen, nach einem Virus den niemand so ganz begreifen und fassen kann, aber der existiert, irgendwo in unserer Gesellschaft, hinter verschlossenen Türen und in den letzten Winkeln unserer Städte und Dörfer. Ihre Haare riechen wieder nach Apfelshampoo, aber der Duft der Resignation hat sich über sie gelegt, wie ein Schleier aus einer Zukunft, die uns alle erwartet.

„Ich habe gesucht, aber nie gefunden.“, sagt sie, und ich weiß, was sie meint, ohne dass sie ihre Worte näher erörtern muss.
„Ich weiß.“, sage ich. „Ich weiß.“
Und dann nehme ich ihren Kopf in meine Hände und wiege sie in den Schlaf. Sie ist so dünn geworden. Soll ich ihr sagen, dass sie an falschen Orten gesucht hat? Soll ich ihr sagen, dass sie das Licht gewesen ist, und dass sie kurz davor steht, es auszulöschen? Ich entscheide mich dafür, zu schweigen. Sie wirkt so krank und verletzlich, wie ein ausgetrocknetes Flußbett liegt sie in meinen Armen. Ihr Körper zittert, ganz sachte, wie ein letztes Aufbäumen in einem Jahre andauerndem Kampf um Gerechtigkeit. Ich kann den Wahn in ihr spüren. Gierige, kleine Händen strecken sich aus ihrem Herzen empor und ziepen an meiner Kleidung. Während ich sie in den Schlaf wiege, da erschlaffen die Hände irgendwann, und ich bin erleichtert, dass sie mich nicht zu fassen bekommen haben. An mehr denke ich nicht.

Ich sehe ihr zu, wie sie wieder aufsteht, am nächsten Morgen, und wie sie beginnt, dem Wahn zu begegnen. Ich beobachte jahrelang ihre Schritte zurück in diese Welt da draußen, und frage mich, dann und wann, wie es so weit kommen konnte.
Eines Tages, da beschließe ich, sie noch einmal zu besuchen. Ich will ihr sagen, dass ihre Träume noch nicht vorbei sind. Dass Afrika wartet, und dass sie das Polarlicht ist.
Erst, als ich ihr gegenüberstehe, da bemerke ich, dass das nicht mehr das Mädchen ist, dem ich vor so vielen Jahren das erste Mal begegnet bin. Die Zeit ist kein Anker, sie ist ein Boot, und sie schwimmt weg, solange du denkst, sie würde still in ihrem Hafen liegen und auf dich warten. Genauso ist sie geschwommen, immer weiter und weiter, und jetzt, wo ich das weiß, da weiß ich, dass es falsch war, zu warten. Dieses wunderschöne Mädchen voller Licht, das ist weggeschwommen, während ich mir überlegte, wie ich ihr sagen kann, was ich ihr sagen will. Da sitzt sie, entkräftet und ermüdet.
„Weißt du was Gliederschmerzen sind?“, sagt sie. Ich kann mir vorstellen wie sich das anfühlen muss, nach all dem Jahren voller schwimmen, stromauf- und stromabwärts, und doch nie ans Ziel kommend, also nicke ich.
„Ich bin müde,“, sagt sie, und mir fällt auf, dass ihre Augen grau geworden sind, wie die Steine in ihrem ausgetrockneten Fluß.
„Ich bin so müde, dass ich mich frage, wo das Bett ist, aus dem ich nicht mehr aufstehen muss. Ich weiß, was du denkst, aber dem ist nicht so. Ich bin perfekt. Ich bin perfekt angepasst, perfekt arbeitend, es reicht mir, nette Bilder von Afrika und den Polarlichtern auf Facebook zu betrachten und zu wissen, dass es Menschen gibt, die ihre Träume erreicht haben. Ich like ihre Beiträge. Das ist fast, als hätte ich es selber erreicht, verstehst du?“

Ich verstehe nicht. Ich habe keine Ahnung, wer oder was Facebook ist, aber ich verstehe, dass etwas passiert ist, das ich hätte verhindern können. Endlich, nach all den Jahren, spüre ich, dass es keinen geeigneten Zeitpunkt gibt. Nur heute. Es gibt nur heute.

„Du bist das Licht!“, sage ich.
Ich kann sehen, wie meine Worte an einer unsichtbaren Wand vor ihrem Antlitz abzuprallen scheinen, dort, wo früher eine Tür war, durch die ich ihr begegnen konnte, wann immer ich wollte, ist heute eine Mauer, die für mich unüberwindbar scheint. Sie hört mich, aber sie versteht mich nicht.
Sie lächelt, müde, ihre Mundwinkel zucken nervös. Eine Weile scheint sie über meine Worte nachzudenken, oder über ihre Worte, oder über beides.
„Wenn du jemals wieder einem Menschen wie mir begegnest,“, sagt sie dann. „Einem Menschen, der jung ist und frei wie der Wind- dann sag ihm das. Sag es ihm, bevor er denkt, er müsste das Licht in anderen Menschen finden. Sag es ihm, bevor er zu müde ist, um das letzte Streichholz anzuzünden.“ In ihren grauen Augen in dem bleichen Gesicht blitzt es kurz auf, und eine einzelne Träne bahnt sich den Weg in das Leben. Ich will ihr die Träne wegwischen, ihren Kopf in meine Arme nehmen, so wie damals in der Psychiatrie, und strecke ihr meine Hand entgegen. Aber meine Hand prallt gegen das kalte Glas des Badezimmerspiegels, der zwischen uns beiden steht. Ein Fingerabdruck bleibt auf dem Glas zurück. Meiner oder ihrer? Ich weiß es nicht.

„Du bist erwachsen geworden.“, sage ich, und die Trauer überrollt mich wie eine Welle.
„Ja,“, sagt sie. „Ich wollte nie erwachsen sein.“
Und dann weinen wir beide, als hätten die Jahre uns niemals getrennt.

„Ich werde dich nie vergessen.“, sage ich schließlich. „Ich werde dich nie vergessen, und ich werde immer an dich denken. An dein Lachen, deine Jugend und deine Schönheit. An dein Leid und dein Elend, deine ewige Suche- und daran, wie du in Vergessenheit geraten bist werde ich auch denken, auch dann, wenn du alt und grau geworden bist und niemand deine Geschichte mehr kennt. Ich werde an deine Träume denken, an deine Wünsche und an deine Ziele. An die großartige Tierärztin oder Pathologin die du hättest werden können, an die Familie die du hättest gründen können, an die Polarlichter, die du so gerne sehen wolltest und an die Afrikareise, die du hättest unternehmen können und für die du heute zu müde geworden bist. Und, ich verspreche es dir: Ich werde es ihnen sagen. Jedem, dem ich begegne, der so ist wie du es einmal warst, dem werde ich sagen, dass er das Licht ist. Ich verspreche es dir.“

Du bist das Licht.

Hallo, Otto. Da sind wir also.

•März 10, 2018 • Schreibe einen Kommentar

Ich bin die, die sich einfach in euer Leben gemogelt hat. Manchmal komme ich mir so vor, wie ein Trugbild, wie eine Illusion. Als wäre nichts von alledem real.
Ich sehe mir eine neue Wohnung an, mit großem Garten für die Hunde, und die Vormieterin lächelt mich an und fragt mich, ob sie mich irgendwoher kennt. Und erzählt mir, ganz beiläufig, weil sie und ich feststellen dass wir beide in der Pflege arbeiten, dass sie mal in der Klinik gearbeitet hat, in der ich als letztes Therapie gemacht habe.

Was soll ich sagen? „Ja, klar, kann sein dass du mich da mal als Patientin gesehen hast wo du früher gearbeitet hast!“
Ich war der Wahnsinn, und ich fühle mich, als wäre ich es immer noch. Ich kann nur atmen wenn der Himmel brennt. Wenn der Stress und die Schmerzen mich erschlagen, dann kann ich atmen. Aber wehe, ich komme zur Ruhe. Dann, ganz plötzlich, bin ich alleine mit all meinem Wahnsinn, und mir fehlt jemand, mit dem ich ihn teilen kann. So wie früher. Aber früher ist tot.

Ich werde bald 30. Bald habe ich meine verspätete Ausbildung beendet. Die meisten meiner Narben sind von Tattoos bedeckt. Bald habe ich wieder eine eigene Wohnung, dann endet ein Kapitel, das vor vier Jahren begonnen hat. Das Kapitel als Endstation-Junkie. Das ist vorbei. Und die Borderline- Braut, die auch, schon lange. Dann kommt das Kapitel Ottonormal-Arbeitnehmer.

Mein Wahnsinn und Otto, Otto Normal, die vertragen sich nicht.
Mein Hund ist alt und grau, und ich bekomme eine Falte. Ich färbe mir die Haare lila, und hoffe, es gefällt dem Otto nicht. Irgendetwas muss ich tun, irgendetwas muss ich dieser Welt entgegensetzen.

Vielleicht sollte ich mein Buch schreiben, das ich so lange schreiben wollte. Und mal wieder einen kiffen. Vielleicht hilft das.

 

Sterben wollen.

•Januar 3, 2018 • Schreibe einen Kommentar

Es ist zehn Jahre her, da wollte ich sterben. Ich kann es nicht glauben, es ist, als hätte ich gerade meine Augen geschlossen und mich mit dem Sterben arrangiert, und jetzt öffne ich sie wieder und es sind zehn Jahre vergangen, und ich habe weitergelebt. Heute vor zehn Jahren wollte ich sterben, und wenn ich sage, ich kann es nicht glauben, dann meine ich nicht- den Gedanken, dass ich sterben wollte. Ich kann es nicht glauben, dass ich trotz oder gerade wegen alledem, trotz und wegen all meiner Sehnsüchte und Ängste, mich entschieden habe weiter zu leben.

In all der Zeit haben meine Eltern graue Haare bekommen, einige verdanken sie sicher mir. Und ich habe kleine Grübchen bekommen, Falten an meinen Mundwinkeln, vom Lachen und Kotzen mit Sicherheit.

Was habe ich gelacht, in all den Jahren. Was habe ich gelacht. So leer und trüb meine Gedanken waren, so voll war all mein Sein. Was habe ich wunderbare Freunde gehabt, mit denen ich lachend auf dem Boden lag, und was habe ich für wunderbare Drogen gehabt.

Und Gott, so viel habe ich gekotzt. Mit meinem Erbrochenen von meinem 15. bis zu meinem 24. Lebensjahr kann man Meere füllen. Berge erbauen. Was habe ich gefressen und gekotzt, was habe ich mir mit meinen Fingernägeln die Kehle wund gekratzt und meinen dürren Körper über die Kloschüssel geworfen- und was hatte ich für gemeine, widerliche und abscheuliche Drogen, die mich brechend wie ein Wasserspeier in meiner dreckigen Wohnung haben fast jämmerlich verrecken lassen.

Es ist zehn Jahre her, da wollte ich sterben- und was habe ich viele Menschen sterben gesehen in den letzten zehn Jahren. Meine Freundin, die mit mir sterben wollte und es dann doch alleine getan hat nachdem sie mir das Leben rettete. Der Junge der mit meinem Exfreund zusammen immer in Ghettosprache gesprochen hat, und ich habe sie beide ausgelacht, weil ich mich für intelligenter hielt als sie beide zusammen. Der Mann, der vermutlich durch die Drogen die er selber verkaufte indiziert einen Schlaganfall erlitt und verstarb. Meine wundervolle Freundin, die lieber eine tote Elfe als eine lebendige, sterben- wollende Frau sein wollte. Und die erste Frau, die ich geliebt habe, die dachte, Heroin würde sie von ihrem Lügengefängnis befreien.

So viele Menschen habe ich getroffen, die heute nicht mehr leben, und jetzt bin da noch ich, die einst sterben wollte und erst mit über 25 Jahren verschwendeter Lebenszeit erkannt hat, dass eines sowieso kommt, so oder so: Der Tod.

Aber nicht das Leben.

Hey, F.

•September 30, 2017 • Schreibe einen Kommentar

Die Vergangenheit ist eine Zeitschleife. Sie saugt dich ein, sie greift mit ihren kleinen, gierigen Händen nach dir, und saugt, und saugt, und saugt.

Du bist meine Vergangenheit. Egal, wie ich es drehe und wende, alles kommt zu dir zurück. Du hast meine Vergangenheit geprägt, meine Zukunft geschaffen, und hier in meiner Gegenwart, da sitzt du in mir, und greifst mit deinen kleinen, gierigen Händen nach meinem Herz, du drehst und wendest es, rechts und links, knotest kleine Schleifen in meine Aorta und tackerst sie wieder fest. Ich fühle mich wie kurz nach einer Bluttransfusion, als hätte sich etwas Fremdes in mir festgesetzt, etwas, das meinen Körper für immer durchlaufen wird, das meine Gedanken für immer prägen wird, und das erst dann verschwindet, wenn ich ein Messer nehme und meine Arme aufschneide, damit das Blut raus kann, damit du raus kannst, damit du verschwindest, im Abguß meiner Badewanne.

Du bist nie gegangen, nie so richtig, und du wirst niemals gehen. Und auch wenn ich weiß, dass du all diese Erinnerung nicht verdient hast- ich kann dich nicht vergessen.

Die Tage und Jahre mit dir waren die Jahre, die für immer meine Jugend geprägt haben. Den Weg den ich gegangen bin, ging ich wegen dir, mit dir und für dich. Der Mensch, der ich geworden bin- der wurde ich, weil du da warst.

Es war wahrscheinlich die subjektiv beste Zeit meines Lebens, diese Zeit mit dir. Sie war so voll an Emotionen, an Wahnsinn, an Vergebung und Vergeltung, und so voll von dem, was sich Liebe nennt, oder was sie Liebe nennen.

Du bist mein Kryptonit. Ich werde an dich denken, wenn ich in 60 Jahren noch lebe und in meinen alten, vergilbten Fotoalben blättere. Wenn es dann noch Fotos gibt, in unseren Atombunkern. Ich werde an dich denken, in dem Moment, in dem ich meine Augen für immer schließe, da bin ich mir ganz sicher. Wenn ich jemals einen Mann finde, der mich so nimmt wie ich bin, und der all die Ängste tragen kann, die in unserer Beziehung entstanden sind, dann werde ich an dich denken, wenn ich mein Brautkleid trage und vor dem Spiegel stehe, als wäre es nur ein Versehen und niemals Absicht gewesen. Ich werde an dich denken, sollte ich eines Tages das Kind auf die Welt bringen, das ich einmal dir versprochen hatte. Du bist mein Kryptonit, und du bist Gift. Das weiß ich heute, und das ist gut so. Aber zugleich würde ich, wenn ich könnte, ohne zu zögern die Zeit zurückdrehen und wieder neben dir auf dem Sofa liegen. Ich würde ohne zu zögern alles wiedernehmen, was ich damals hatte. All die Angst, all den Hass. All die Drogen, all das Verlangen nach Sucht und Wahnsinn. Ich würde meine Paranoia zurück nehmen und meine Halluzinationen, meinen Spritzenabseß und meine Nächte in der Irrenanstalt. Ich würde alles zurücknehmen, wenn es nur bedeuten würde, dass ich noch einmal die Zeit mit dir erleben könnte. Nichts und niemand hat mir jemals das Gefühl nehmen können, dass meine Zukunft gestorben ist, an dem Tag, an dem ich unsere gemeinsame Wohnung verlassen habe.

Wie Bonny und Clyde wollten wir sein. Manchmal wünschte ich, wir wären es gewesen. In meiner kranken Fantasie, da stehen wir, Seite an Seite, und du blickst mich an und ich kann in deine Augen sehen. Deine Augen, die wie Steine waren. Ich habe sie geliebt. „Ich liebe dich“, sagst du, und ich lächele und schmecke das Salz auf meinen Lippen. Die Welt ist verschwommen genug, ich muss sie nicht mehr sehen. Ich werfe einen letzten Blick auf die Wand aus Menschen vor uns, und nicke dir zu. „Ich dich auch. Für immer.“ Und dann sterben wir gemeinsam im Kugelhagel.

Unser Ende war ein ganz anderes. Ich werde niemals vergessen, wie du mich gegen die kalten Fliesen im Badezimmer gedrückt hast. Wie deine Hände meine Kehle zugedrückt haben, und ich mir dachte „Komm, bitte. Lass es einfach enden.“ Aber du hast es nicht enden lassen und ich musste damit leben. Und du wohl auch.

Vor ein paar Wochen, da haben wir telefoniert. Einmal im Jahr meistens, da schreibst du mich an. Von einer Handynummer aus, die ich nicht kenne, weil du ständig eine neue hast. Du bist da, und du bist wieder weg. Jetzt bist du wieder weg.

Vorgestern, es ist 3 Uhr morgens und ich will meinem Nebenjob nachgehen und ein paar Zeitungen verteilen, da sind gerade ein paar Jugendliche damit beschäftigt, die Tankstelle bei uns um die Ecke aufzubrechen. Ich sehe diesen Jungen und die schwarze Maske auf seinem Gesicht, und ich muss lächeln weil ich an dich denke. An dich und an mich. Ich erinnere mich an den Tag, als wir verhaftet wurden, und als ich nach 4 langen Stunden im Verhör in deinen Armen lag. An dem Tag, an dem ich beschlossen habe, dir meine Zukunft zu schenken. Der Tag, an dem wir beschlossen haben, dass wir verlobt sind.

Du bist mein Kryptonit. Es ist so viele Jahre her, und es ist an der Zeit einzusehen, dass du mich für immer verfolgen wirst. Erinnerung verbrennt niemals, egal, wie lange die Glut schon erloschen ist.